Volker Dietzel

 geboren:

9.11.1955

 Adresse:

Schkopauer Weg 7        06128 Halle

 Telefon:

0345 / 203 42 34   und   0179/51 56 756

 E-Mail:

Volkerdietzel@web.de

Biografie: 

Hallenser, Übersetzer aus dem Hebräischen und Jiddischen, Regisseur bei „Theater Apron“.

Bibliografie:

Die ganze Welt steht auf der spitzen Zunge, Jüdische Sprichwörter, 1987, Kiepenheuer
300 Jahre Juden in Halle, (Teilautor, Redaktion und Zusammenstellung), 1992, Halle, Mitteldeutscher Verlag
Russisch-jüdisches Roulett, Jüdische Emigranten erzählen ihr Schicksal, 1993, Zürich, Ammann
Die Herodes-Apokalypse, Novelle, 1997, Weimar
Der Brief, in dem Novalis starb, Erzählung, 2007, Weimar, Eckermann Verlag

Außerdem seit 1992 Prosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien, Arbeit als Hörspiel- und Featureautor

Arbeitsgebiete:

Prosa, Lyrik, Hörspiele, Arbeit an einem Roman

Themenangebote:

1. Lesungen für Erwachsene und Jugendliche ab 8. Klasse aus den oben erwähnten Büchern oder auf Wunsch aus meinem Romanprojekt über den Wiederaufbau einer Jüdischen Gemeinde in der Nachkriegszeit.
2. Was ist jüdisch? Religion, Volkskunde usw. (Einzelheiten nach Wunsch)
3. Theater und Wirklichkeit
 

Textprobe:

Ein arbeitsloser Rosenzüchter mit dem irreführenden Namen Manfred Krug soll die Hauptrolle in einem Musical übernehmen, um der Forderung der Sponsoren des Theaters zu genügen, dass Manfred Krug dort aufträte.

Siegbert
(der Regisseur):
 
Können wir jetzt weitermachen?
Krug: Nein, das können wir nicht. Ich will nicht mehr. Was tue ich hier eigentlich? Ich mache etwas, von dem ich nichts verstehe, meine Ehe geht in die Brüche, und meine Rosen gehen ein.
Siegbert: In dieser Reihenfolge?
Marit: Manfred, bitte. Tu es für mich.
Krug: Für dich?
Marit: Dann tu es für deine Frau. Denn im Grunde deines Herzens liebst du sie.
Krug: Nein, ich hasse sie.
Marit: Das tust du nicht.
Krug: Doch, das tue ich.
Siegbert: Nach Hause willst du nicht, und hier bleiben willst du auch nicht. Du musst dich entscheiden.
Krug: Ich kann nicht. Ich heiße Manfred Krug, aber ich bin nicht Manfred Krug.
Siegbert: Quatsch. Wenn man einen Namen hat, ist es egal, wie man heißt.
Krug: Nicht bei mir. Ich tue, als wäre ich ein Schauspieler, aber ich bin keiner.Ich bin wie der Arzt, der keiner ist. Ich bin nur ein Patient.
Siegbert: Das bist du nicht, weil ...
Krug: Nein, ich spiele auf der anderen Seite der Rampe. Ich spiele einen Zuschauer.
Siegbert: Du bist kein Zuschauer. Du bist, äh, auf dem Weg zu dir selbst. Jeder macht es anders. Du hast den Umweg über uns genommen. Sei ein anderer, dann wirst du um deiner selbst willen geliebt werden.
Krug
(etwas blöde):
 
Aha. Welche Aussichten habe ich am Theater?
  Das ganze Ensemble hat sich um ihn versammelt und gibt Ratschläge.
Siegbert: Das ist schwer zu sagen. Entweder du bist in der Löwengrube eines großen Hauses mit einem festen Einkommen für leider nur eine Spielzeit ...
Anna: ... erbitterten Feinden für Gott sei Dank nur eine Spielzeit ...
Marit: ... einem Hass auf alles anzügliche Geflunker in der Knatine für alle Spielzeiten deines Lebens ...
Alf: ... einem selbstherrlichen Intendanten, der, wenn du Glück hast, nicht schwul ist ...
Anna: ... und wenn du Pech hast, nicht schwul ist, weil er dann auf allen männlichen Konkurrenten herumhackt.
Marit: Du spielst nach den sonderbaren Wünschen eines Regisseurs, dem der Text des Dichters am Arsch vorbeigeht ...
Siegbert: ... Rollen, die dir am Arsch vorbeigehen ...
Anna: ... vor einem Publikum, dem das Stück am Arsch vorbeigeht ...
Alf: ... und in engem Körperkontakt zu einem Maskenbildner, der dir ständig am Arsch vorbeigeht.
Marit: Oder aber es treibt dich vor lauter Arbeitslosigkeit in die schmutzigen Klitschen des Freien Theaterbetriebes ...
Siegbert: ... wobei Betrieb nach „mit Geld umgehen“ klingt ...
Anna: ... was aber selten vorkommt.
Alf: Dort nagst du am schminkeverschmierten Hungertuch.
Marit: Aber wenigstens kannst du spielen und behaupten, dich auf den hehren Tempel der reinen Kunst geworfen zu haben.
Siegbert: Weil du eine Botschaft hast und ein Künstler bist, dem das Stadttheater mit seiner Routine die sensible Seele verwüstet ...
Anna: ... wo aber vor einem dunklen Saal ...
Alf: ... eine dunkle Figur ...
Marit: ... mit dunklen Worten ...
Siegbert: ... in dir unverständlichen Situationen ...
Anna: ... unverständliche Dinge mit dir tut ...
Alf: ... von denen der Regisseur behauptet, das müsse so sein, weil er die Seele des Zeitgeistes analysiere.
Marit: Bis dir der Gedanke schwant ...
Siegbert: ... der Regisseur ist diese dunkle Figur ...
Anna: ... die ein intellektuell fehlgeleitetes Knetenmännchen aus dir macht.
Alf: Du musst dich dabei selber schminken ...
Marit: ... und in nach kalter Asche stinkenden Garderoben ...
Siegbert: ... Kaffee aus angeschlagenen Tassen trinken ...
Anna: ... weil Armut Integrität bedeutet ...
Alf: ... und Geld bekanntlich korrumpiert.
Marit: Das erwartet dich, mein Freund.
Siegbert: Also, wenn ich es mir recht überlege, solltest du vielleicht doch lieber wieder Rosen züchten.
Anna: Bleibe weg vom Theater, so weit du kannst.
Krug: Gut. Ich bleibe hier. Ihr seid jetzt meine Familie.
Siegbert: Können wir jetzt weitermachen?

Aus: „Rosen für Manfred Krug“. Boulevardkomödie für Provinztheater und Klavier

 

3. Szene

Woyzeck liegt im Stroh seines Leipziger Verlieses und wartet auf die Hinrichtung. Zwei gut gekleidete Personen betreten den Raum.

1 Guten Tag, Herr Woyzeck, wir sind Freimaurer. Wir kommen, Sie zu befreien. (Zum 2.) Er reagiert nicht.
2 Wir sind eine Gruppe überkonfessioneller Menschenfreunde, die es sich zum Ziel gesetzt haben, der leidenden Kreatur zu helfen. Hallo, Woyzeck!
1 Vielleicht ist er tot?
2 Rütteln Sie ihn
1 Er ist warm, seine Glieder sind beweglich. Und er starrt mich an.
2 Es riecht nach Verwesung. Es ist unheimlich.
1 Das ist Schwefelwasserstoff.
2 Wie belieben?
1 Menschenfreund Doktor Liebig hat vor einer Woche den Schwefelwasserstoff entdeckt.
2 Das sind Entdeckungen, auf die ich verzichten kann.
1 Gestunken hätte es trotzdem. So ist es, das Volk. Es stinkt. Als hätte es zu viel Erbsen gegessen.
2 Deshalb wollen wir es aus seinem Schweinekoben erheben.
1 Hallo, Woyzeck, erheb Er sich.
2 Wir sind es, die Freimaurer! Was hat er? Wir kommen, Ihn zu befreien. Es sieht so aus, als hätte er Angst vor uns. Schauen Sie nur: Hinter
1 oder unter
2 der erscheinenden Welt scheint er eine zweite Welt zu suchen. Da! Er spürt etwas nach, an dem er teilhaben kann. Hier sehen Sie die Wirkung der Metternich-Propaganda. Der arme Wicht hält uns für die Anstifter einer geheimen Weltverschwörung. Wir sind die Bösen seiner undurchsichtigen Weltordnung. Das stelle man sich vor. Halten Sie ihm den Hessischen Landboten hin. Dann wird er reagieren.
1 „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Der Kerl reagiert einfach nicht. Er schaut mich nur an. Die ihn beherrschende Religion scheint mir die Desillusionierung der Beherrschten zu sein.
2 Bitte?
1 Ich zitiere unseren Meister vom Stuhl.
2 Woyzeck, was hat Er Angst vor uns? Wir sind die einzigen, die sich für einen armen Tropf wie Ihn wirklich interessieren. Glaub Er uns das.
1 Erheb Er sich! Oder denkt Er, wir stürmen mit dunklen Capes nachts in das Gefängnis, um Todeskandidaten vor Schreck an Herzschlag sterben zu lassen? Wir wollen das Beste für Ihn.
2 Wir sind gegen die Todesstrafe. Sie widerspricht unseren ethischen Normen.
1 Was soll eigentlich aus ihm werden, wenn wir ihn befreit haben?
2 Hat der Meister vom Stuhl darüber nichts gesagt?
1 Nein.
2 Dann werden Sie ihn mit nach Hause nehmen müssen.
1 Ich?
2 Wer sonst.
1 Warum nehmen Sie ihn nicht mit nach Hause?
2 Weil ich Bruder bin und Sie nur Geselle.
1 Und was soll ich mit ihm zu Hause anfangen? Meine Frau bringt mich um.
2 Sie können ihn ja in den Keller sperren.
1 Zu meinem Sohn?
2 Sie sind wohlhabend. Er wird groß genug sein.
1 Zwanzig.
2 Quadratmeter.
1 Jahre.
2 Es ist nicht gut, wenn der Mensch so lange allein ist.
1 Also in den Keller.
2 Hallo Woyzeck. He, ich rede mit Ihm.
1 Erheb Er sich.
2 Warum reagiert er nicht?
1 Sind wir hier in der falschen Zelle?
2 Unser Bruder Kerkermeister hat gesagt, Zelle drei. Wir sind doch hier in Zelle drei? Hallo! Er da! Er wird doch wissen, in welcher Zelle Er liegt! Red Er es uns.
1 Die Befreiung der Menschheit ist ein mühseliges Geschäft.
2 Wem sagen Sie das.
2 Seine Augen machen mir Angst.
1 Ich würde es nicht Angst nennen, sondern den natürlichen Schreck des gebildeten Individuums beim Anblick der animalischen Kreatur.
1 Ob er beißt?
2 Ich würde es nicht darauf ankommen lassen.
1 Wenn Sie gestatten, möchte ich Sie bitten, auf der nächsten Geheimsitzung Bruder Kerkermeister aufs schärfste zu rügen. Ich opfere unseren Rousseau-Leseabend zur Befreiung einer armen Seele, aber was ist das hier?
2 Dumpfes Fleisch, das nicht weiß, in welcher Zelle es liegt.
1 Wie meinen?
2 Ich komme nach gründlicher Überlegung zu dem Schluss, dass es das Beste ist, ihn seinem Schicksal zu überlassen.
1 Dem Scharfrichter?
2 Gewöhnen Sie sich Ihre drastischen Formulierungen ab. Gehen wir. Ihre Frau wird Ihnen dankbar sein.
1 Stolpern Sie nicht. Die Schwelle ist hoch.
2 Ich muss mich übergeben.
1 Tun Sie es hier in der Zelle.
2 Geben Sie schon Ihr Riechsalz her. Diese Blöße gebe ich mir nicht.

Beide ab.

Aus: „Woyzecks Ende“