Astrid Hutten

 geboren:

 26.10.1951

 verstorben:
 

 9.8.2017
 

Biografie: 

Geboren in Halle. 1970 Abitur. Anschließend Studium an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung „Burg Giebichenstein“ in Halle im Bereich Fläche. Von 1976 bis 1992 Designerin in der Tapetenindustrie in Leipzig. Zwei Kinder. 1992/93 Umschulung in Gestaltungs-Sozial-Therapie mit Zertifikat. Danach ABM-Stellen, unterbrochen von Arbeitslosigkeit: Mitarbeiterin einer Galerie und Zuständige für die Öffentlichkeitsarbeit des Frauenverbandes „COURAGE e.V.“ in Halle.

Bibliografie:

Nicht sehend - nicht blind, Erzählungen, 2000, Oschersleben, dr. ziethen verlag

Beteiligung an Anthologien:

Eröffnungen, 1996, Halle, Literaturbüro Sachsen-Anhalt Süd
Wer dem Rattenfänger folgt, 1998, Halle, Förderkreis der Schriftsteller
Das Kind im Schrank, 1998, Leipzig, Faber & Faber
Versuchungen, 1999, Oschersleben, dr. ziethen verlag
Die dünne dunkle Frau, 2000, Oschersleben, dr. ziethen verlag
Unsere Vorbilder, 2000, Köln, wort und mensch-Verlag

Weitere Texte in der Literaturzeitschrift Ort der Augen, Magdeburg (1994, 1995, 1996)

in Arbeit:

Ruth und Nelli (Arbeitstitel), Roman
Unica, Roman

Arbeitsgebiete:

Erzählungen, Roman

Themenangebote:

Für Jugendliche:

Vorpubertät, Entwicklung der Sexualität (Hetero- und Homo-)
Kindheitsschlüsselerlebnisse aus der Erwachsenenperspektive
Seltsame Begegnungen – zwischen Realität und Fiktion

Für Erwachsene:

Kindheitserinnerungen aus der Erwachsenenperspektive u.a. lokalisiert in Halle
Liebesbeziehungen mit leiser Erotik
Psychotherapie

Nur für Frauen:

siehe Jugendliche!
Lesbische Beziehungen

Textprobe:

... Ich glaub, jetzt hats geklingelt. Da, schon wieder! Ich komm ja schon, ich komm ja schon! Hätte doch das Licht anlassen sollen. Man findet ja die Türklinke gar nicht. Die Kerzen brennen noch alle. „Hallo, Ulla, bist du es?“ Blöde Frage, wer sollte es sonst sein. „Jawoll, ich bin es.“ Das war die Stimme aus dem Telefon. Ganz ohne Zweifel. „Du kannst kommen, es ist alles bereit.“ Nun schnell wieder ins dunkle Zimmer. Ich bleib gleich stehen, mit dem Rücken zur Tür, besser ist besser. Das war die Wohnungstür, leichte Schritte, keine Absatzschuhe. „Grit, wo bist du denn? Huh, ich seh ja gar nichts.“ „Das hab ich dir doch versprochen. Bleib stehen, ich komm schon.“ „Ist das aufregend!“ Das war wieder ihre Stimme, und so nah! Hier muss sie sein. „Hier bist du also! Das ist deine Hand. Wie kalt sie ist. Ist es kalt draußen?“ „Nein.“ Sie lacht. Wie sie meine Hand schüttelt. Es ist komisch, aber fremd ist sie mir nicht. „Ich führe dich, pass auf! Noch einen Schritt, so, nun kannst du dich setzen.“
Sie öffnet den Sekt, ich halt die Gläser. Warum kann ich nicht aufhören zu lächeln? Sie kanns ja doch nicht sehen. Alles ist so kompliziert. Ich halt den Finger ins Glas, um zu sehen, wann es voll ist. Wenn uns einer beobachtete mit ner Infrarotbrille, der hätt seinen Spaß. „Wo bist du? Wo ist deine Hand, die Flasche, das Glas, der Tisch?“ So geht das dauernd. Jetzt stoßen wir an. Wie oft ich nun schon ihren Arm, ihre Schulter berührt habe! „Ach ist das komisch!“ Sie kommt ganz nah. „Lass doch mal fühlen! Welche Farbe hat denn dein Kleid? Wie weich deine Haut ist! Hast du auch einen Mund? Ah, Schmetterlingslippen! Sind sie geschminkt?“ „Merkt man das?“ „Da müsst ich kosten. Es ist verrückt, da halt ich deinen Kopf und fühl deine Wange, deine Lippen, deine Nase und hab doch überhaupt keine Vorstellung von deinem Gesicht, nicht einmal von dem Raum hier.“

Aus: „Nicht sehend – nicht blind“

 

... Sie liest weiter. Sie merkt, wie ihre Worte selbständig werden, wie sie, ihrer Zunge entronnen, ein Eigenleben führen und beginnen, sie, Anja, auszuziehen. Zuerst fühlt sie ihre Hände nackt werden, so dass ihre zitternden Finger hervorkommen. Alle können es sehen. Sie versucht, sie zusammenzuballen, aber es nutzt nichts. Sie muss lesen. Sie hat angefangen. Es gibt kein Entrinnen. Und sie liest.
Als nächstes rutschen ihr die Träger von den Schultern. Sie fühlt ihr Gesicht heiß werden unter all den neugierigen Blicken. Es gibt ein Verwundern in ihr über die Macht der Worte. Nicht die Blicke ziehen sie aus, sondern ihre eigenen Worte sind es.
Dann, irgendwann, platzt ihr die Haut auf. Es tut weh, aber weniger als gedacht. Und noch etwas später liegt ihr Herz bloß, für einen Augenblick nur. Aber sie fühlt es. Schmerz ist da nicht mehr. Das ist der Augenblick, wo sie vergisst, dass sie liest, wo sie alles vergisst, den Raum mit den Geräuschen, den wippenden Stuhl, nur ihn nicht, den Mann mit dem Wellenmund.
Dann schließt sich ihre Haut wieder, und die Träger rutschen an ihre alte Stelle. Nur die Hände bleiben nackt und ihre Augen, als sie endlich zum Nebentisch sieht. Er hat aufgehört, den Stuhl zu bewegen. Seine Finger gleiten jetzt über die Rückenlehne, ganz langsam fahren sie über das glänzende Holz, tiefer und immer tiefer, bis zu der Beuge, wo die Lehne in den gepolsterten Sitz übergeht. Dort bleiben sie liegen. Sie klappt ihr Heft zu, steht auf, geht quer durch den Saal. Und die ganze Zeit fühlt sie ihren Rücken gestreichelt ...

Aus: „Die Lesung“ (in „Versuchungen“)

 

Der Schnee knirscht unter unseren Füßen. Wie lange noch? Die Äste knacken in unseren steifen Fingern. Wie lange noch? Die gefrorene Kohle zerbricht, noch ehe wir sie heimlich lösen hinter dem Haus am Dorfrand. Wie oft noch? Die gestohlenen Brocken brennen im Ofen. Wie lange noch? Wie lange schon? Sophie! Ich hab gerufen nach dir. Was tatest du, als ich den russischen Posten fragte und es hieß, wir hätten noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter uns? Dabei waren wir schon vierzehn Tage unterwegs. Was tatest du da? Bin ich dir eingefallen?
Wir sitzen auf ratterndem Stroh und löffeln die warme Tagessuppe. Sophie! Der Löffel schlägt gegen den Blechteller, die Zähne an den Löffel, die Ofentür gegen den Ofen, unsere Knochen gegeneinander. Das ist unsere Musik, ist Tönen. Rhythmus, Gesang, ja Gesang, es singt in meinem Kopf, meine Gedanken singen, Worte, mein Mund, die Zunge, Seife, Sophie, da war doch ein Zusammenhang, Sophie, Seife, beides beginnt mit einem „S“. Hätt ich doch nicht, ach, hätt ich doch keine Seife gegessen, keine Worte gegessen, keine Worte gehört, Sophie gehört, Sophie gehört mir nicht, auch der Regenschirm gehörte mir nicht, der Regenschirm, schwarz war er, Sophie, ach, hätte doch Sophie ihren Schirm nicht vergessen in der kleinen Konditorei, ei, ei, Schirm vergessen ... wozu einen Schirm? Es regnet doch gar nicht, schneit höchstens, schneit, Schnee ist gefrorener Regen. Der Viehwagen rollt durch die gefrorene Nacht. Wie lange schon?
Als es hell wurde, glaub ich, waren wir da, nach vierzehn Tagen. Sibirien! Dicht an der chinesischen Grenze. So weit bist du nie gekommen, nicht wahr, Schwiegermama?

Aus: „Unter trockenen Blättern“

 

„Komm hierher! Weiter!“, befahl Frau Wagenbrecht. „Wie ein dreijähriges Kind sieht sie gerade nicht mehr aus, unsere Ruth, nicht wahr? Und dass sie ab und zu an ihrer Lippe saugt wie an einem Schnuller, ändert daran auch nichts, oder was meint ihr?“
Gelächter erscholl. Doch es klang verhaltener als das vorhin im Schlafsaal. Ruth hörte es nur als ein fernes Brausen. Sie sah auch nicht, wie die Erzieherin aus einem Blecheimer etwas Weißes, Großes herauszog. Sie schaute geradeaus zu einem knorrigen Baum, dessen kahle Äste in den Himmel pieksten. An einem Zweig hing noch ein vertrocknetes, zusammengerolltes Blatt. Ein einziges Blatt an einem kahlen Zweig, ein Blatt, das nicht fiel, das aushielt. Und sie sah nur das Blatt, ihr Kopf war wie festgeschraubt.
„Wie kommt es dann, dass dieses große Mädchen sein Bett nass macht, könnt ihr euch das erklären? Scheinbar macht es ihr Spaß, in einem nassen und stinkenden Bett zu liegen, was, Ruth?“
Ruth spürte ihr Gesicht heiß werden. Das Blatt, war das Blatt noch da?
„Sieh mich an, kleines Fräulein! Sieh, was du angerichtet hast!“
Ruth wurde noch röter, der Baum vor ihren Augen torkelte, und dann klatschte etwas Weißes, Kaltes in ihr Gesicht. Sie schloss die Augen, nichts sehen, nichts hören, nicht mehr da sein. Jeder Schlag trug Ruth ein bisschen weiter fort. Als es aufgehört hatte, glaubte sie schon das Meer riechen zu können. In ihren Ohren rauschte es weiter. Frau Wagenbrecht riss zum letzten Mal den Mund auf, ihre Zunge zwischen den Zähnen, rosa und feucht, zuckte hin und her, wie ein dicker Regenwurm. Ruth hörte immer noch nichts, sie schloss die Augen und wusste plötzlich, was geschehen würde, sie sah es ganz deutlich vor sich, sah den zuckenden Zungenwurm, sah, wie er sich zusammenzog, steif wurde, nach hinten sackte, wie der Mund offen blieb, schief, und die Spucke sich im rechten Winkel sammelte und überlief. So ist das also, dachte sie, drehte sich ruhig um und ging zurück, an ihren Platz in die Reihe. Als sich ihr Bärbel in den Weg stellte, sagte sie es: „Ich weiß etwas. Es wird keinen Appell mehr geben, nie mehr. Frau Wagenbrecht wird krank werden, vielleicht schon morgen.“
„Du spinnst ja“, wollte Bärbel sagen oder: „Mir machst du nichts vor!“, doch dann stockte sie.
Ruth stand da, wie sie später noch oft stehen sollte, aufrecht, die Augen in die Ferne gerichtet. Obwohl sie klein war, kam sie Bärbel groß vor.

Aus: „Ruth und Nelli“