Rüdiger Bernhardt

 geboren:

8.9.1940

 Adresse:

Falkensteiner Straße 36       08239 Bergen im Vogtland

 Telefon:

0174 / 176 85 02

 E-Mail:

Prof.R.Bernhardt@gmx.de  

Biografie: 

In Dresden geboren, Abitur. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Nordistik und Theaterwissenschaft in Leipzig. 1964 Diplom-Germanist, 1966 ff. Tätigkeit in der Bewegung schreibender Arbeiter, unter anderem als Zirkelleiter (Zirkel der Leuna-Werke, Literarische Werkstatt Leuna), Vorsitzender der Bezirksarbeitsgemeinschaft Halle und Vorsitzender der Zentralen Arbeitsgemeinschaft (ZAG), 1968 Promotion zum Dr. phil., 1974 „facultas docendi“ für das Fachgebiet „Neueste deutsche Literatur“, 1978 Dr. sc. phil., 1985-93 ordentlicher Professor an der Martin-Luther-Universität, tätig auf dem Gebiet der neueren und neuesten deutschen Literatur sowie der skandinavischen Literaturen, 1974-76 Lehrtätigkeit an der Universität Bratislava, 1994-98 an den Universitäten Kiel und Szczecin. Zahlreiche Vortragsreisen ins Ausland, unter anderem nach Frankreich, Irak, Italien, Litauen, Norwegen, Österreich, Polen und Schweden. 1993-2002 wissenschaftlicher Berater, Autor und Herausgeber in einem Schulbuchverlag. 1994-2004 verantwortlich für Literatur-Kolloquien an der Ostseeakademie/Academia Baltica u.a. zu Volker Braun, Brecht, Fühmann, Fürnberg, Grass, Hacks, Gerhart Hauptmann, Christoph Hein, Kisch, Thomas Mann, Helga Schütz, Seghers, Erwin Strittmantter, Christa Wolf, Arnold Zweig. Beirat bzw, Kurator mehrerer literarischer Gesellschaften. Seit 1994 Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung Kloster auf Hiddensee. 1999 Wahl in die Leibniz-Sozietät e.V.

Bibliografie  (Auswahl):

Vom Handwerk des Schreibens, Handbuch, 1976, 1983, Berlin
Odysseus’ Tod – Prometheus’ Leben, Essay, 1983, Halle-Leipzig
Henrik Ibsen und die Deutschen, Monographie, 1989, Berlin
Zwischen Geist und Sinnlichkeit (G. Hauptmanns „Und Pippa tanzt!“), Essay, 1995, Zittau
Gerhart Hauptmanns Hiddensee, Monographie, 1996, Hamburg, Ellert & Richter
Gerhart Hauptmann: „Nu jaja! - Nu nee nee!“. Beiträge eines Colloquiums. Travemünder Protokolle Nr. 4. 1998, Lübeck
August Strindberg, Biografie, 1999, München, dtv
Peter Hille (1854-1904), ein Wanderer zwischen vielen Welten, Biografie, 2004, Berlin-Friedrichshagen, Antiquariat Brandel, Friedrichshagener Hefte 51
Wanderer zwischen den Welten, Hallesche Autorenhefte Nr. 33, 2002, Halle, Förderkreis der Schriftsteller
„Ich bestimme mich selbst“. Das traurige Leben des glücklichen Peter Hille, Biografie, 2004, Jena, Dr. Bussert & Stadeler
„... geschehen ist der Götter Ratschluss“ (G. Hauptmann), 2006, Halle, Projekte-Verlag
Gerhart Hauptmann, Eine Biografie, 2007, Fischerhude, Atelier im Bauernhaus

Königs Erläuterungen und Materialien: (im C. Bange Verlag, Hollfeld)
nach Autoren angeordnet, nur Erstauflage, meist mehrere Nachauflagen
Jurek Becker: Bronsteins Kinder, 2005, Bd. 434
Gottfried Benn: Das lyrische Schaffen, 2009, Spezialband
Bertolt Brecht: Das lyrische Schaffen, 2008, Spezialband
Georg Büchner: Dantons Tod, 2003, Bd. 235
Georg Büchner: Der Hessische Landbote, 2006, Bd. 449
Georg Büchner: Lenz, 2006, Bd. 448
Georg Büchner: Leonce und Lena, 2002, Bd. 236
Georg Büchner: Woyzeck, 2002, Bd. 315;  2011: Neufassung
Faust. Ein Mythos und seine Bearbeitungen, 2009, Spezialband
Johann Wolfgang von Goethe: Faust I, 2001, Bd. 21;  2011: Neufassung
Johann Wolfgang von Goethe: Faust II, 2002, Bd. 43
Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen, 2001, Bd. 8
Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris, 2001, Bd. 15;   2002: Neufassung
Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther, 2001, Bd. 79;  2011: Neufassung
Johann Wolfgang von Goethe: Das lyrische Schaffen, 2008, Spezialband
Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften, 2003, Bd. 298
Günter Grass: Die Blechtrommel, 2001, Bd. 159
Günter Grass: Hundejahre, 2006, Bd. 442
Günter Grass: Im Krebsgang, 2002, Bd. 416
Günter Grass: Katz und Maus, 1999, Bd. 162;  2002: Neufassung
Peter Hacks: Ein Gespräch im Hause Stein, 2007, Bd. 468
Gerhart Hauptmann: Die Ratten, 2007, Bd. 284
Gerhart Hauptmann: Die Weber, 2003, Bd. 189
Christoph Hein: Der fremde Freund, 2006, Bd. 439
Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten, 2010, Bd. 484
Heinrich Heine: Das lyrische Schaffen, 2008, Spezialband
Henrik Ibsen: Ein Volksfeind, 2009, Bd. 411
Henrik Ibsen: Hedda Gabler, 2007, Bd. 459
Henrik Ibsen: Nora (Ein Puppenheim), 2002, Bd. 177
Erich Kästner: Das lyrische Schaffen, 2010, Spezialband
Victor Klemperer: Das Tagebuch 1933-1945, 2004, Bd. 424
Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister, 2006, Bd. 441
Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti, 1997, Bd. 16;  2002 und 2011: Neufassungen
Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., 2004, Bd. 304
Rainer Maria Rilke: Das lyrische Schaffen, 2009, Spezialband
Friedrich Schiller: Don Karlos, 2006, Bd. 6
Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre, 2005, Bd. 469
Friedrich Schiller: Wallenstein, 2005, Bd. 440
Anna Seghers: Das siebte Kreuz, 2001, Bd. 408
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, 2008, Bd. 475
Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene, 2006, Bd. 446
Christa Wolf: Der geteilte Himmel, 2004, Bd. 426

Abitur-Trainer 18./19. Jahrhundert (Schiller, Büchner, Kleist) NRW, 2009
Abitur-Trainer 19./20. Jahrhundert (Fontane, Schnitzler) NRW, 2009
Abitur-Trainer 18./19. Jahrhundert (Goethe, Büchner, Kleist), 2010
Abitur-Trainer 19./20. Jahrhundert (Schnitzler, Thomas Mann), 2010

Arbeit als Herausgeber:
Peter Hille: Ich bin, also ist Schönheit, 1975, 1990, Leipzig
Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit, 1983, Berlin und Weimar
Peter Hille: Der Spoekenkieker, 1986, Leipzig und Weimar
Ein Damenduell - Geschichten aus der Gartenlaube, 1991, Berlin
Gibt es weibliches Schreiben?, Schriftstellerinnen in Schweden und der DDR, 1991, Halle
Brücken. Mitteldeutsches Lesebuch. 2.-4. Schuljahr mit Kommentarbänden, 1994-2000, Bühl
Mitteldeutsche Sagen (I - IV), 1997, Bühl
Flickflack. Lesebuch, 2.- 4. Schuljahr, 1999, 2000, Bühl
Wanderer in den Morgen. Louis Fürnberg und Arnold Zweig, Colloquia Baltica Bd. 4, 2005, München
Rainer Maria Rilke: Das lyrische Werk, Lyrik-Kommentare Bd. 4,

Literatur in Künstlerkolonien, In: Künstlerkolonien in Europa, 2001, Nürnberg

Wissenschaftliche Aufsätze, Essays und Kritiken zu Klopstock, Goethe, Novalis, Heine, Ibsen, A. C. Andersen, F. W. Weber, Peter Hille, Gerhart Hauptmann, Richard Voß, Johannes Schlaf, Emil Rosenow, Stanislaw Przybyszewski, Erich Mühsam, Thomas Mann, Hans Fallada, Hans Franck, Seghers, Brecht, Wolfgang Borchert, Erich Arendt, E. E. Kisch, Louis Fürnberg, Strittmatter, Hermann Kant, Eberhard Hilscher, Claus Hammel, Heiner Müller, Fühmann, Hacks, Grass, Brigitte Reimann, K.-H. Roehricht, Christa Wolf, Christoph Hein, Volker Braun;
zur schlesischen Literatur, zur Literatur in Künstlerkolonien, zur Antikerezeption, zur Bewegung schreibender Arbeiter in der DDR und anderss.

Arbeitsgebiete:

Deutsche und skandinavische Literaturgeschichte, Essay, Literaturkritik, Rezeptionsvorgänge

Themenangebote:

1. Literarhistorische Prozesse, ausgewählte Neuerscheinungen, Interpretationen literarischer Werke
2. Vorträge zu deutschen und skandinavischen Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts
3. Mythische Figuren im Wandel der Zeiten
 

Textprobe:

Nach langem Drängen brachte Munch die norwegische Musikstudentin Dagny Juel, die ihm nach Deutschland gefolgt war, doch in das „Schwarze Ferkel“, in dem sie sämtliche Beziehungen durcheinander wirbelte und die Männer in Aufregung versetzte. Dagny Juel, von Strindberg nach einer berühmten Hetäre „Aspasia“ oder „Laïs“, von den anderen „Duscha“ genannt, war der Inbegriff der Bohéme-Frau: rotes kurzes Haar, mager, knabenhaft, mit spitzem Gesicht, kleinem Kopf, katzenhaft-zitternd und voller Spannung, die Kind-Frau. Sie galt als moderner Typ, der mehr geistig verführte als körperlich, aber wohl auch körperlich den Männern alles abverlangte. Sie war „das Urbild jener schlanken überzarten Frauengestalten des Fin de siècle, die Schlangenlinien des später so üblen Jugendstils scheinen nach ihr gebildet, die hauchzarten Gläser, die zu jener Zeit auftauchten, sind Ausdrucksformen ihres Wesens“, schrieb Ida Dehmel, die Dagny Juel nur aus den Erzählungen ihres Mannes Richard kannte.
Auch Strindberg, der sie als „Seelenvampir mit Sehnsucht nach Höherem und von feinster Differenzierung“ bezeichnete, verliebte sich in sie, verfiel ihr nach sprühenden Gesprächen, hochgepeitschter Sinnlichkeit und einer durchzechten Nacht. Er hatte ein Verhältnis mit ihr, verdammte sie aber bald darauf wegen ihres lockeren und leichtsinnigen Lebens, ja, er warf sie aus ihrem eigenen Zimmer, als er auf „einmal neben sich ein Weib in schamloser Stellung“ schlafen sah, berichtete Frida Uhl. Er versuchte Freunde vor ihr zu schützen, die den Schutz aber gar nicht wollten. So schlug seine Liebe schnell in Hass um.
Es gibt unterschiedliche Erklärungen für Strindbergs Hass auf Dagny. Was immer es gewesen sein mag, sein Hass folgt auf Dagny Juels Rückzug. So erklärt sich auch, dass er sie nicht vergessen konnte, sich von ihr verfolgt fühlte und sie immer wieder als literarische Gestalt beschwor. Er flirtete bald darauf mit der finnischen Schauspielerin Gabrielle Tavastjerna. Das alles geschah in der Zeit, als er schon mit Frida Uhl verlobt war.
Ihren Höhepunkt erreichte seine Verwirrung, als Przybyszewski am 18. September 1893 Dagny heiratete und sich dessen Geliebte Marta Foerder, mit der er Kinder hatte, umbrachte. Überall wurde kolportiert, Przybyszewski habe Strindbergs Frau verführt und für sich erobert. Strindberg sah sich nun mehrfach bedroht: „Er ist von Berlin nach Paris gekommen, um mich zu töten, wie er mich in Berlin getötet hat. Und warum?... Weil das Schicksal gewollt hat, dass seine jetzige Gattin, bevor er sie kennen lernte, meine Geliebte gewesen ist.“

Aus: „August Strindberg“

 

Spätestens seit der Kenntnis der Zitatfolgen in „Störfall“ weiß man um die straff organisierte Folge von Montagen. Dort waren es elf, von denen sich jeweils Gruppen von 5 um ein mittleres Zitat legten, das von Max Frisch stammte, allerdings nicht ausgewiesen wurde. Bei „Medea“ ist es einfacher. Hier werden die Motti ausgewiesen, mindestens die vor den Kapiteln. Es mag zufällig sein, aber es ist wieder eine Abfolge von elf Zitaten, die sich in Gruppen von jeweils 5 um ein mittleres legen. Die Gruppen sind eindeutig bestimmt: Die ersten fünf Motti stammen aus literarischen Texten, ausnahmslos aus der Antike, ausnahmslos auf das Thema bezogen, immer betreffen sie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Dabei wird selbstverständlich auch das bisher gültige Beispiel, das des Euripides, zitiert, aber auch andere bedeutende Beispiele für Medea-Gestaltungen. Die Motti der zweiten Gruppe sind, bis auf eine Ausnahme, nicht mehr unmittelbar zum Thema gehörend, betreffen nicht mehr Medea, aber immer noch das Verhältnis der Geschlechter als eines der Unterdrückung. Und die Ausnahme erweist sich dabei als Brücke zwischen dem Einzelfall und der Allgemeingültigkeit: Medea ist das frühe Beispiel für die männliche Geschichtsschreibung, die es nicht dabei belässt, den Frauen ihre historische Bedeutung abzusprechen, sondern die dort, wo man nicht umhin kann, den Frauen einen Platz anzuweisen, die Frauen aus der menschlichen Gemeinschaft auszustoßen versucht. Mit den Zitaten aus der Gegenwart und aus dem Umkreis sozialwissenschaftlicher Kritik wird das Thema so aus dem mythischen Umfeld in die gegenwärtige Aktualität transportiert. Dass dabei beide Zitatgruppen sich um das Bachmann-Zitat stellen, ist ebensowenig Zufall wie im „Störfall“ die Gruppierung um das Frisch-Zitat. Beide waren und sind die entscheidenden geistigen Partner für Christa Wolf. Und beide haben die gleichen Fragestellungen aufgeworfen, beide haben sie nicht beantwortet.

Aus: „Die Gegenwart des Mythos. Christa Wolfs ‚Medea‘“ (1996)